Das ist eine interessante Frage. Ich könnte direkt zurückfragen: Wozu sollte man das heute überhaupt noch tun? Es ist doch viel nützlicher zu wissen, wie man Reifen von Michelin oder Bridgestone auf eine Felge aufzieht… Wagen sieht man ja schon lange nicht mehr auf den Straßen, und wer wird durch dieses Wissen schon klüger?
Und doch. Ich kann sagen, dass sowohl in Estland, in Skandinavien als auch in Portugal schätzungsweise ein paar Hundert Wagenräder herumrollen, die in meiner Werkstatt ihren Reifen erhalten haben. Eigentlich steckt in so einem Wagenrad deutlich mehr Arbeit – eine Lagerbuchse in die Nabe einsetzen, die Nabenringe aufziehen… (das funktioniert übrigens fast genauso wie beim Rad selbst).
Wer braucht heute überhaupt noch Pferdewagen?
Etwa 80 % der Wagen, deren Räder durch meine Hände gegangen sind, werden in mittelalterlichen Themenrestaurants genutzt – zum Beispiel als Wagen für den Mandelverkauf. Mit diesen Wagen gab es wesentlich mehr Arbeit. Da ist viel Schmiedearbeit hineingeflossen, und auch die Mandelröstöfen und Kessel wurden dafür bei mir bestellt… Der Rest ist dann entweder bei Burgen für die Besucher im Einsatz – um Säcke hinterherzuziehen – oder damit Kinder mitfahren können… Verwendung für Wagen gibt es also auch heute noch.

Zuerst werden die Wagenräder gebracht.
Die stelle ich nicht selbst her. Ich mache Sachen aus Metall. Mir werden die fertigen Räder gebracht.
Zuerst muss man die Räder ausmessen und die passenden Längen für die Reifen aus Flachstahl zuschneiden. Ich verwende normalerweise 8×40 mm Flachstahl. Da die Kooperationspartner von Jahr zu Jahr dieselben sind, sind auch die Modelle gleich. Die Räder sind an der Stelle, wo der Reifen hinkommt, 50 mm breit. Ich mache den Reifen absichtlich etwas schmaler, und 40 mm Breite passt dafür sehr gut.
Nach dem Raddurchmesser lässt sich vorerst nur der Rohling zuschneiden. Danach geht es durch die Walzen in die Ringform, und dann beginnt die Feinabstimmung. Hier kommen nun Physik, Mathematik und noch ein paar andere Wissenschaften ins Spiel. Im Allgemeinen sollte man in etwa wissen, wie hoch die Längenausdehnung bei einer bestimmten Stablänge ist. Das ist eine feine Sache mit dieser Ausdehnung: Je länger der Stab ist, desto mehr dehnt er sich beim Erhitzen aus. Genau um diesen Betrag des Dehnens muss der Stab anfangs kürzer gemacht werden. Dafür spanne ich ihn mit Schraubzwingen um das Rad und schneide ihn mit der Flex direkt auf dem Rad passend zu. Bei einem Rad mit 500 mm Durchmesser lasse ich zwischen den Enden etwa 15-20 mm Platz, bei einem Rad mit 1000 mm Durchmesser schon gut 25+ mm… Das hängt sowohl von der Dicke des Stahls ab als auch davon, wie heiß man den Reifen machen will. Die Räder werden aus Hartholz gefertigt – Esche, Eiche… manchmal Birke… deshalb kann man den Stahl ziemlich heiß machen, ohne dass das Holz später zu sehr verbrennt.
Dann nehme ich ihn vom Rad ab und verschweiße die Enden. Ordentlich von beiden Seiten und von beiden Seiten wird auch geschliffen. Natürlich könnte man das auch feuerverschweißen… Aber das ist ein anderes Thema und ein anderer Preis


Das Erhitzen der Radreifen für ein hölzernes Wagenrad im Feuer
Weiter geht’s – das Erhitzen. Dafür habe ich eine Feuerstelle. Eine große, fast 2 Meter im Durchmesser messende Feuerstelle, in der ich schon Feuer mache, bevor ich anfange, die Reifen passend zuzuschneiden. Mit ganz offenem Feuer ist es unangenehm, diese Reifen zu wärmen… da kann es passieren, dass man nur seine Augenbrauen verliert… man kann sich aber auch schwerer verletzen. Ich warte, bis die Glut fertig ist. Dann werfe ich bis zu 10 Reifen in die Glut. Es wäre ratsam, die Reifen während des Anpassens an die Räder irgendwie zu markieren… Die Durchmesser können variieren, und so hat man weniger Grund zum Fluchen, wenn man für den heißen Reifen sofort das richtige Rad findet. Ich schreibe eine Nummer auf den Außenring des Rades – der Reifen kommt drüber und verdeckt sie – und mache auf der Innenseite des Radreifens mit dem Meißel gut sichtbare Striche…

Wenn die Radreifen dann im Feuer heiß geworden sind… dann sind schnelle Bewegungen wichtig… zu langsames Handeln kann viel Holz verbrennen. Gleichzeitig dürfen diese Reifen gar nicht richtig rotglühend sein… heiß, aber nicht rot… Der heiße Reifen wird auf das Rad aufgeschlagen und dann sofort schnell abgekühlt. Dafür ist eine mit Wasser gefüllte Mörtelwanne direkt neben dem Arbeitstisch ein sehr wichtiges Hilfsmittel. Es ist ratsam, dies zu zweit zu machen. Während des Abkühlenssteckt man eine Eisenstange durch die Nabe und rollt das Rad schnell 3-4 Runden durch das Wasser. Die Achse ist deshalb gut, weil das erste Rad sauberes Wasser bekommt… die restlichen dann schon verschmutztes. Und das ruiniert das Holz. Es ist ratsam, das Rad nicht bis zu den Speichen einzutauchen. Gerade tief genug, dass der Stahl schnell abkühlt… aber nicht tiefer. Dafür ist diese improvisierte Achse eine gute Lösung.
Das Aufbringen des heißen Metallreifens auf das hölzerne Wagenrad


Und so einfach ist das. Heißer Stahl dehnt sich aus. Beim Abkühlen zieht er sich bombenfest um das Rad, ohne dass man Bolzen verwenden müsste. Bolzen werden zwar zusätzlich verwendet. Die Räder bestehen aus Segmenten. Beim Trocknen kann das Holz anfangen zu arbeiten – deshalb zieht man über die Verbindungsstellen der Segmente Klammern, die mit einem Bolzen durch den Stahl befestigt werden. So wird diese Arbeit schon seit Jahrhunderten gemacht… es gibt nichts Neues unter der Sonne.



Lisa kommentaar